Wenn das Elternhaus nicht weiterhelfen kann: Vorbilder in Bildungsentscheidungen
Eine qualitative Untersuchung biografischer Übergänge von Secondos und Secondas in der Schweiz
"Hätte er mir diese zwei Ausbildungen nie vorgeschlagen, wäre ich nie selbst darauf gekommen." Mit diesem Satz beschreibt eine der Interviewpartnerinnen, wie ein einzelner Lehrer ihren Bildungsweg entscheidend beeinflusst hat. Genau diese Beobachtung steht im Zentrum der vorliegenden Bachelorarbeit: Welche Rolle spielen Vorbilder bei Bildungsentscheidungen von Secondos und Secondas in der Schweiz?
Theoretischer Rahmen
Als theoretisches Fundament dient die motivationale Theorie der Vorbildwirkung von Morgenroth, Ryan und Peters (2015). Das Verhaltensmodell zeigt konkret, wie ein Bildungsweg gegangen werden kann. Die Repräsentation des Möglichen zeigt, dass ein Ziel trotz ähnlicher Ausgangsbedingungen erreichbar ist. Die Inspiration stärkt Motivation und Selbstvertrauen. Ergänzend dienen Erreichbarkeit (Lockwood & Kunda, 1997) und soziales Kapital (Coleman, 1988) als zentrale Wirkungsbedingungen.
Forschungslücke und Methodik
28 Prozent der Schweizer Bevölkerung besitzen keine Schweizer Staatsbürgerschaft (SKBF, 2026), und Secondos sowie Secondas zeigen eine bemerkenswerte Bildungsmobilität: 57 Prozent von ihnen erreichen die Sekundarstufe II auch ohne entsprechenden Elternabschluss (Wanner, 2022). Trotzdem wurde die spezifische Rolle von Vorbildern bislang nicht ausreichend aus der Perspektive der Betroffenen selbst untersucht.
Die vorliegende Arbeit schliesst diese Lücke mit fünf leitfadengestützten Interviews, ausgewählt nach dem Prinzip des Purposive Sampling für maximale Variation der Bildungsverläufe, von linearen bis zu mehrfach unterbrochenen Bildungswegen. Die Auswertung erfolgte mittels strukturierender Inhaltsanalyse nach Mayring.
Zentrale Erkenntnisse
Die Ergebnisse zeigen, dass Lehrpersonen, Geschwister und Verwandte häufig als Vorbilder wirken, während Eltern zwar emotional unterstützen, aber selten über das notwendige Systemwissen verfügen. Bei drei von fünf Befragten erweist sich das Fehlen einer passenden Orientierungsperson selbst als prägendster Befund. Vorbildwirkung zeigt sich dabei in unterschiedlichen Formen, von praktischer Unterstützung bis zu symbolischer Wirkung, und kann auch ambivalent sein. Wahrgenommene Ähnlichkeit verstärkt diese Wirkung, ist aber keine Voraussetzung dafür: Verfügbarkeit und Zuwendung können ebenso wirksam sein, unabhängig vom gemeinsamen Hintergrund.
Eine mögliche vierte Funktion: Vorbilder als Begleitpersonen
Die Interviews legen nahe, dass eine vierte Funktion sinnvoll spezifiziert werden könnte: Vorbilder als aktive Begleitpersonen in konkreten Übergangssituationen. Sie helfen Bewerbungen ausfüllen, erklären Ausbildungsoptionen und investieren Zeit weit über ihren formalen Auftrag hinaus. Diese Funktion geht über die bestehende Theorie hinaus und liefert einen empirisch begründeten Ansatzpunkt für deren mögliche Erweiterung.
Beitrag der Arbeit
Aus den Ergebnissen werden fünf Handlungsempfehlungen für Schulen, Berufsberatung, Mentoringangebote und Elternarbeit abgeleitet. Die begrenzte Stichprobengrösse erlaubt keine statistische Repräsentativität, dies ist bei einem qualitativen Design jedoch nicht das Ziel. Die Arbeit liefert damit sowohl einen empirisch fundierten Impuls für die Vorbildtheorie als auch konkrete Anknüpfungspunkte für Schulen, Berufsberatung und Eltern bei der Begleitung von Bildungsentscheidungen.