Zwischen Nachweis und Transformation – Fördernde und hemmende Faktoren der Gemeinwohlökonomie-Implementierung in Schweizer KMU

Zwischen Nachweis und Transformation – Fördernde und hemmende Faktoren der Gemeinwohlökonomie-Implementierung in Schweizer KMU
Quelle: KI-generierte Darstellung, erstellt mittels ChatGPT (OpenAI DALL·E), 2026.

Im Kontext steigender Berichtspflichten zur Nachhaltigkeit – etwa durch die EU-Richtlinien CSRD und ESRS – stehen Schweizer KMU vor einer doppelten Herausforderung: Sie sollen ökologisch und sozial verantwortungsvoll wirtschaften und dies zugleich umfassend dokumentieren. Die Gemeinwohlökonomie (GWÖ) bietet hierfür ein ganzheitliches Berichtsformat, das ökonomische, ökologische, soziale und demokratische Dimensionen integriert. In der Schweiz haben bislang nur wenige Unternehmen eine GWÖ-Bilanz erstellt – doch wie sieht der Weg zur Zertifizierung tatsächlich aus, und welche Faktoren entscheiden über Erfolg oder Abbruch?

Zielsetzung und Forschungsfrage

Ziel dieser Bachelorarbeit war es, fördernde und hemmende Faktoren der GWÖ-Implementierung in zertifizierten Schweizer KMU empirisch zu identifizieren und ihre Wirkungsweise aus der Perspektive der Beteiligten zu rekonstruieren. Die Arbeit füllt eine doppelte Lücke: Bisher existiert keine eigenständige Schweizer KMU-Studie zur GWÖ-Implementierung, und in der Change-Management-Literatur ist die GWÖ als spezifisches Transformationsmodell bislang kaum behandelt.

Welche fördernden und hemmenden Faktoren beeinflussen den organisationalen Transformationsprozess bei der Einführung und Durchführung der Gemeinwohlökonomie in bereits zertifizierten Schweizer KMU, und wie werden diese Faktoren wahrgenommen und gestaltet?

Methodik

Die Arbeit verfolgt einen qualitativen, theoriegeleitet-offenen Forschungsansatz. Im Rahmen eines Maximum-Variation-Samplings wurden acht halbstrukturierte Interviews durchgeführt: sieben mit Geschäftsleitenden oder GWÖ-Champions zertifizierter Schweizer KMU – von der Genossenschaftsbank über eine Umwelt-NGO bis zum Coaching-Mikrobetrieb – sowie ein achtes mit einer erfahrenen GWÖ-Beraterin zur Triangulation. Die Auswertung erfolgte mittels qualitativer Inhaltsanalyse nach Kuckartz, ergänzt um induktive Kategorienbildung am Material. Aus dem Analyseprozess resultierte ein integriertes Kategoriensystem mit sieben Hauptkategorien, zwei induktiven Erweiterungen und einer Querschnittskategorie zu Spannungen und Paradoxen.

Ergebnisse

Drei zentrale Erkenntnisse prägen die Arbeit. Erstens: Erfolgreiche GWÖ-Implementierungen verstehen die Bilanz als Transformations- und Lernprozess, nicht als Nachweis-Instrument. Unternehmen, die primär auf das „Label" abzielen, neigen zu Demotivation und Abbruch – während Organisationen, die die Bilanz als Standortbestimmung nutzen, eine nachhaltige Verankerung erreichen.

Zweitens: Vier GWÖ-spezifische Stützmechanismen tragen die Implementierung über individuelle Champion-Faktoren hinaus: Peer-Bilanzierung mit anderen Organisationen, externe Beratung, regionale Community-Strukturen und spezialisierte Software. Diese Bündelung kollektiver Stützmechanismen ergänzt klassische Change-Management-Modelle, in denen sie so nicht zentral verankert sind.

Drittens: Sechs der wichtigsten Faktoren wirken ambivalent – sie sind gleichzeitig Treiber und Hemmnis. Leadership ist Treiber UND Engpass; Werte stehen in Spannung zur ökonomischen Realität; Reglementierung kann mit agiler Kultur kollidieren. Diese Befunde bestätigen die Paradoxie-Perspektive nach Smith und Lewis empirisch für den GWÖ-Kontext.

Fazit

Die Arbeit liefert die erste qualitative Schweizer KMU-Studie zur GWÖ-Implementierung und erweitert etablierte Faktorenlisten um zwei GWÖ-spezifische Dimensionen. Differenzierte Praxisempfehlungen für vier Organisationstypen – von Mikrounternehmen bis NGO – machen die Befunde für Schweizer KMU anschlussfähig, die mit einer GWÖ-Implementierung liebäugeln. Eine Folgestudie mit Abbruchszenarien könnte das Bild komplementär ergänzen. Was diese Arbeit zeigt: GWÖ-Implementierung entfaltet ihr Transformationspotenzial nicht trotz, sondern durch ihre strukturellen Spannungen.