Die Umstellung auf eine CO₂-arme Lieferkette: Treiber, Barrieren und Strategien für KMUs im Schweizer Maschinenbau
Über 70 Prozent der industriellen Emissionen entstehen nicht in der eigenen Produktion, sondern in der Lieferkette. Für KMUs im Schweizer Maschinenbau ist genau dieser Teil besonders schwer zu greifen: Die Unternehmen sind klein, die Lieferketten global und die Marktmacht begrenzt. Gleichzeitig wächst der Druck durch Regulierung wie das CO₂-Gesetz und den europäischen CBAM, aber auch durch Kundenanforderungen die sich entlang der Lieferkette weitergeben. Die Frage ist nicht ob KMUs handeln wollen, sondern warum sie trotz vorhandenem Willen so wenig bewegen können.
Ziel und Forschungsfrage
Ziel dieser Bachelorarbeit war es, die Treiber, Barrieren und Strategien der Lieferkettendekarbonisierung in KMUs des Schweizer Maschinenbaus empirisch zu untersuchen und in einem erklärenden Modell zusammenzuführen. Die Arbeit schliesst eine doppelte Lücke: In der Literatur fehlt eine qualitative Untersuchung dieser Frage im spezifischen MEM-Kontext, und die Frage warum motivierte Unternehmen strukturell scheitern bleibt bisher offen.
Welche Treiber, Barrieren und Strategien prägen die Umstellung auf eine CO₂-arme Lieferkette in KMUs des Schweizer Maschinenbaus?
Methodik
Die Arbeit verfolgt einen qualitativen, explorativen Ansatz auf Basis der Grounded Theory nach Corbin und Strauss. Im Rahmen eines Theoretical Samplings wurden acht halbstrukturierte Interviews geführt: mit drei Hersteller-KMUs, drei direkten Lieferanten und zwei Branchenexpert:innen. Diese drei Perspektiven ermöglichten es, die Lieferkette als System zu betrachten und nicht nur von einer Seite. Aus 811 vergebenen Tags und 637 einmaligen Konzepten entstanden durch offenes, axiales und selektives Kodieren 14 Kategorien, drei Kernkategorien und eine übergeordnete These.
Ergebnisse
Drei zentrale Befunde prägen die Arbeit.
Erstens das Scope 3 Paradox: Mehrere der befragten Unternehmen haben Scope 1 und 2 bereits weitgehend gelöst, eines sogar vollständig. Scope 3 bleibt trotzdem strukturell offen. Daten fehlen, Marktmacht fehlt, und niemand zahlt mehr dafür.
Zweitens die Entkopplungsfalle: Das bestehende System aus Formularen und Zertifikaten trennt formalen Aufwand von realer Wirkung. Wer handelt aber schweigt, aus Angst vor Greenwashing-Vorwürfen, ist unsichtbar. Dieses Phänomen, im Material als Greenhiding bezeichnet, blockiert das Peer-Learning das für KMUs am wirksamsten wäre.
Drittens die Koordinationslücke: In der MEM-Branche fehlt eine kollektive Infrastruktur für Scope 3. Kein gemeinsames Auditierungssystem, keine geteilten Standards, kein Amfori-Äquivalent wie im Retail.

Das Modell zeigt wie Treiber, strukturelle Rahmenbedingungen, Barrieren, Strategien und Konsequenzen zusammenwirken. Die drei Barrieren verstärken sich gegenseitig und bilden zusammen die strukturelle Dekarbonisierungsohnmacht: Motivierte Unternehmen scheitern nicht am fehlenden Willen, sondern an einem System das individuelles Handeln weder ermöglicht noch belohnt.
Fazit
Die Arbeit liefert das erste qualitative Erklärungsmodell zur Lieferkettendekarbonisierung in KMUs des Schweizer Maschinenbaus. Die Handlungsempfehlungen richten sich an drei Ebenen: Unternehmen sollten jetzt mit der Scope 3 Erfassung beginnen, auch mit groben Schätzungen. Verbände wie Swissmem könnten eine kollektive Auditierungsplattform aufbauen und Vorreiter sichtbar machen. Die Politik braucht Regeln die ehrliche Kommunikation vor Greenwashing-Vorwürfen schützen. Was diese Arbeit zeigt: Scope 3 Dekarbonisierung scheitert nicht am fehlenden Willen. Sie ist eine Systemaufgabe.