Berufswahl in der Gebäudetechnik
von Sokol Berisha 22. Juni 2026 · 3 Min. Lesezeit
Gebäude verursachen in der Schweiz rund 40 Prozent des Endenergieverbrauchs und etwa einen Drittel der inländischen CO₂-Emissionen. Wer diese Zahlen senken will, braucht Fachkräfte in der Gebäudetechnik — und genau die fehlen. Gleichzeitig fallen die Weichen für die Berufswahl früh, oft bevor ein Berufsfeld überhaupt sichtbar wird. In den Elektroberufen lag der Frauenanteil bei den Lehrverhältnissen 2024 bei lediglich 3,5 Prozent. Die Frage ist deshalb nicht nur, wie attraktiv die Gebäudetechnik ist, sondern warum sie für viele junge Menschen gar nicht erst zur Option wird.
Ziel und Forschungsfrage
Ziel dieser Bachelorarbeit war es, empirisch zu untersuchen, in welchen Einflussbereichen der Berufswahl sich junge Erwachsene, die sich für die Gebäudetechnik entschieden haben, von jenen unterscheiden, die diesen Weg nicht gewählt haben. Theoretisch stützt sich die Arbeit auf die Social Cognitive Career Theory (Lent et al. 1994) sowie auf die Konzepte der Selbstwirksamkeit (Bandura 1997) und der Passung (Kristof 1996). Daraus lässt sich ein Berufswahlprozess ableiten, der nicht nur fragt, ob ein Beruf attraktiv ist, sondern ob er für die Person überhaupt erreichbar und vorstellbar wird.
Welche Einflussbereiche der Berufswahl unterscheiden sich zwischen jungen Erwachsenen (18 bis 25 Jahre), die das Berufsfeld Gebäudetechnik gewählt haben, und solchen, die es nicht gewählt haben?
Methodik
Die Arbeit verfolgt einen quantitativen Ansatz auf Basis einer retrospektiven Online-Befragung. Die Teilnehmenden bewerteten Aussagen zu ihrer Berufswahl auf einer fünfstufigen Skala. Von 223 Rückmeldungen blieben nach der Bereinigung 140 gültige Fälle. Daraus wurden zwei gleich grosse Gruppen gebildet: 70 Personen, die sich für die Gebäudetechnik entschieden haben, und 70, die sich dagegen oder für ein anderes Feld entschieden haben. Verglichen wurden die Gruppen mit t-Tests für unabhängige Stichproben. Wichtig für die Einordnung: Das Design macht Unterschiede zwischen den Gruppen sichtbar, erlaubt aber keine Aussagen über Ursache und Wirkung.
Ergebnisse
In allen vier untersuchten Einflussblöcken liegt die Gruppe, die sich für die Gebäudetechnik entschieden hat, deutlich höher — die Unterschiede sind jeweils statistisch hoch signifikant (p < 0,001).
Bemerkenswert ist weniger, dass die Werte höher liegen, sondern worin sich die Gruppen unterscheiden. Die Ergebnisse sprechen dafür, dass die Wahl davon abhängt, ob ein Beruf konkret genug wird, um überhaupt in den engeren Suchraum zu gelangen — also zu einer Option zu werden, die man ernsthaft prüft. Nicht die objektiv guten Aussichten der Branche scheinen den Ausschlag zu geben, sondern ob aus dem allgemeinen Begriff eines Berufs ein vorstellbarer Arbeitsplatz wird.
- Konkrete Berührungspunkte zählen. Schnupperlehren und Gespräche mit Lernenden oder Fachpersonen machen die Arbeit greifbar. In den Daten unterscheidet sich der Block Information und Exploration am deutlichsten zwischen den Gruppen.
- Gute Perspektiven allein lösen keine Wahl aus. Die Ergebniserwartung — also wie attraktiv ein Beruf eingeschätzt wird — wertet ein bereits konkretes Feld auf, öffnet aber für sich genommen keinen neuen Zugang.
- Die Nicht-Wahl hat zwei Gesichter. Ein Teil hat die Gebäudetechnik geprüft und sich bewusst dagegen entschieden; ein grösserer Teil hatte sie nie ernsthaft im Blick. Von dieser zweiten Gruppe hätte sich knapp die Hälfte (49,1 Prozent) ein klares Bild vom Arbeitsalltag gewünscht.
Ein Zusatzblock zu wahrgenommenen Barrieren (etwa Vorbehalte im Umfeld oder das Bild der Branche) unterscheidet sich zwischen den Gruppen nicht signifikant (p = 0,192). Das spricht dafür, dass der entscheidende Hebel weniger im Abbau von Hindernissen liegt als darin, überhaupt einen konkreten Zugang zu schaffen.
Fazit
Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass der wirksamste Hebel für die Nachwuchsgewinnung der praktische, erlebbare Einblick ist — nicht die Botschaft, dass die Branche gute Perspektiven bietet. Daraus lassen sich fünf Ansatzpunkte ableiten: sequenzierte Praxiskontakte (vom kurzen Einblick zur Schnupperlehre), eine digitale Orientierung mit direkter Buchungsmöglichkeit, Lernende als glaubwürdige Botschafter, zielgruppenspezifische Botschaften und ein Follow-up nach dem Erstkontakt. Einschränkend gilt: Die Stichprobe ist nicht repräsentativ, beruht auf rückblickender Einschätzung und ist männlich dominiert; die Ergebnisse zeigen Unterschiede, keine Kausalität. Was die Arbeit dennoch sichtbar macht: Die Wahl für oder gegen die Gebäudetechnik entscheidet sich oft daran, ob aus einem «gesehenen» Beruf ein «für mich vorstellbarer» wird.