Zwischen Generationenvertrag und Reformdruck: Rentenaltererhöhung als Instrument zur nachhaltigen Finanzierung der AHV

Zwischen Generationenvertrag und Reformdruck: Rentenaltererhöhung als Instrument zur nachhaltigen Finanzierung der AHV
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Die langfristige Finanzierung der Alters- und Hinterlassenenversicherung (AHV) zählt zu den zentralen sozialpolitischen Herausforderungen der Schweiz. Demografischer Wandel, steigende Lebenserwartung und politische Reformentscheide erhöhen den Druck auf das wichtigste Sozialwerk des Landes. Gleichzeitig zeigt die deutliche Ablehnung der Renteninitiative, dass strukturelle Reformen im Bereich des Rentenalters gesellschaftlich hoch umstritten sind.

Die Diskussion um das Rentenalter verdeutlicht das Spannungsfeld zwischen finanzieller Nachhaltigkeit, Generationengerechtigkeit und sozialer Akzeptanz. Während eine Erhöhung des Rentenalters aus finanztechnischer Sicht als wirksames Instrument gilt, wird sie von der Bevölkerung häufig als sozial ungerecht wahrgenommen. Politische Entscheidungen in diesem Bereich können daher nicht allein auf ökonomischen Berechnungen beruhen, sondern müssen individuelle Lebensrealitäten und normative Vorstellungen von Fairness berücksichtigen.

Vor diesem Hintergrund wurde untersucht, wie eine Rentenaltererhöhung als Reformoption zur Sicherung der AHV bis 2040 von Fachpersonen und Vertreter*innen verschiedener Generationen beurteilt wird. Ziel ist es, aufzuzeigen, unter welchen Bedingungen eine solche Massnahme als nachhaltig und generationengerecht wahrgenommen werden könnte, und damit einen Beitrag zur aktuellen sozialpolitischen Debatte zu leisten.

Methode

Die Arbeit basiert auf einem qualitativen Forschungsdesign. Insgesamt wurden neun leitfadengestützte Interviews mit Vertreter*innen politischer Parteien, Arbeitgeber- und Arbeitnehmerverbänden, relevanter Institutionen sowie mit Personen verschiedener Generationen geführt. Interviewt wurden folgende Personen:

  • Diana Gutjahr, Nationalrätin SVP
  • Flavia Wasserfallen, Ständerätin SP
  • Andri Silberschmidt, Nationalrat FDP
  • Raphael Seunig, Vorstandsmitglied Die junge Mitte
  • Lisa Frisch, Projektleiterin bei Sotomo
  • Peter Burri, Leiter Kommunikation bei Pro Senectute
  • Jörg Kalbfuss, Wissenschaftlicher Mitarbeiter, Bereich Mathematik, Bundesamt für Sozialversicherungen
  • Barbara Zimmermann, Ressortleiterin Sozialpolitik beim Schweizerischen Arbeitgeberverband
  • Jonas Eggmann, Zentralsekretär Sozialversicherungen beim Schweizerischen Gewerkschaftsbund

Die Interviews wurden mittels qualitativer Inhaltsanalyse ausgewertet. Diese Methode ermöglicht es, unterschiedliche Perspektiven, normative Wertvorstellungen und Argumentationsmuster sichtbar zu machen.

Ergebnisse

Die Auswertung der Interviews zeigt ein heterogenes Meinungsbild. Vier der neun befragten Personen sprechen sich grundsätzlich für eine Erhöhung des Rentenalters aus, insbesondere mit Blick auf die finanzielle Stabilisierung der AHV und die Vermeidung zusätzlicher Abgaben und Steuern. Befürworter*innen argumentieren vor allem mit Generationengerechtigkeit und der Entlastung der erwerbstätigen Bevölkerung. Gleichzeitig besteht Unsicherheit darüber, ob eine Rentenaltererhöhung tatsächlich zu einer längeren Erwerbstätigkeit führt oder ob Kosten lediglich auf andere Sozialversicherungen verlagert würden. Kritisch diskutiert wird insbesondere die Aufnahmefähigkeit des Arbeitsmarktes für ältere Arbeitnehmende sowie deren gesundheitliche Belastbarkeit.

Als zentrales Gegenargument gegen eine pauschale Rentenaltererhöhung wird die ungleiche Lebenserwartung verschiedener Bevölkerungsgruppen genannt. Diese Perspektive lenkt den Fokus auf Fragen der Gerechtigkeit innerhalb einer Generation. Vor diesem Hintergrund gewinnt das Konzept der Lebensarbeitszeit an Bedeutung. Alle Befragten zeigen sich offen gegenüber einer vertieften Prüfung dieses Modells, da es individuelle Erwerbsbiografien und unterschiedliche Belastungen besser berücksichtigen könnte. Gleichzeitig wird betont, dass die konkrete Ausgestaltung eines solchen Systems mit erheblichen Herausforderungen verbunden wäre.

Die Ergebnisse deuten zudem darauf hin, dass eine Rentenaltererhöhung im aktuellen politischen Umfeld nur geringe Erfolgsaussichten hätte. Eine höhere Akzeptanz könnte jedoch durch eine stärkere Berücksichtigung sozialer Ungleichheiten, durch den Abbau von Anreizen zur Frühpensionierung sowie durch gezielte Anreize für eine Erwerbstätigkeit über das Referenzalter hinaus erreicht werden.