Russland als geopolitischer Risikofaktor: Warum wurde die PMC Wagner erst im Ukrainekrieg zu einem sichtbaren und strategisch relevanten Akteur?

Russland als geopolitischer Risikofaktor: Warum wurde die PMC Wagner erst im Ukrainekrieg zu einem sichtbaren und strategisch relevanten Akteur?

Mit dieser Bachelorarbeit wird untersucht, warum die Gruppe Wagner erst im Ukrainekrieg ab 2022 zu einem offen sichtbaren und strategisch relevanten Akteur wurde. Im Zentrum steht nicht eine Analyse der militärischen Leistungsfähigkeit der Gruppe, sondern die inneren Machtmechanismen des politischen Systems in Russland. Die Arbeit analysiert, wie Loyalitätsbeziehungen, Patronage, Rivalitäten zwischen Eliten sowie informelle Entscheidungsstrukturen die Aufwertung eines hybriden Akteurs wie Wagner ermöglichten.

Ausgangspunkt der Untersuchung ist die Beobachtung, dass Wagner vor 2022 zwar bereits in verschiedenen Konflikten eingesetzt wurde, jedoch weitgehend im Hintergrund operierte. Erst im Ukrainekrieg trat die Gruppe offen auf, führte gross angelegte Operationen durch und gewann erheblichen politischen Einfluss. Besonders auffällig war die zunehmende öffentliche Präsenz von Jewgeni Prigoschin, der als Unternehmer ohne klassische Karriere im Sicherheitsapparat zu einem zentralen Akteur wurde.

Die Arbeit stellt zwei zentrale Forschungsfragen. Erstens wird untersucht, warum Wagner erst im Ukrainekrieg zu einem sichtbaren und strategisch relevanten Akteur wurde. Zweitens wird analysiert, welche politischen und institutionellen Bedingungen im heutigen Russland diese Entwicklung begünstigt haben.

Als theoretischer Rahmen dient die Principal-Agent-Theorie. Diese ermöglicht es, das Verhältnis zwischen dem Kreml als Auftraggeber und Wagner als informellem Agenten zu analysieren. Im Mittelpunkt stehen Delegationsprozesse, Informationsasymmetrien, Kontrollprobleme und opportunistisches Verhalten. Der Ansatz hilft zu erklären, wie ein politisches System durch informelle Machtinstrumente kurzfristig an Flexibilität gewinnen kann, langfristig jedoch Stabilitätsrisiken erzeugt.

Methodisch basiert die Arbeit auf einem qualitativen Forschungsdesign. Die Analyse kombiniert eine systematische Literaturauswertung mit leitfadengestützten Experteninterviews mit Osteuropa und Sicherheitsexperten. Ziel war es, die inneren Machtstrukturen des Systems Putin, Loyalitätsbeziehungen sowie Rivalitäten zwischen zentralen Akteursgruppen besser zu verstehen.

Die Ergebnisse zeigen, dass die Aufwertung Wagners weniger auf militärischer Effizienz beruhte, sondern vor allem Ausdruck institutioneller Schwächen, personalisierter Herrschaft und innerer Machtkämpfe war. Vor dem Hintergrund des Versagen der regulären Armee suchte Putin nach einer Alternative, die kurzfristig Erfolg versprach. Informelle Delegation ermöglichte dem Kreml zudem kurzfristig operative Flexibilität. Gleichzeitig führte sie zu zunehmender Autonomie, öffentlicher Machtinszenierung und wachsenden Kontrollproblemen.

Die Analyse macht deutlich, dass autoritäre Systeme, die stark auf informelle Akteure und Loyalitätsnetzwerke setzen, strukturelle Principal-Agent-Probleme erzeugen. Diese können kurzfristig politisch nützlich sein, langfristig jedoch zu erheblichen Stabilitätsrisiken führen. Der Aufstand der Wagner Gruppe im Juni 2023 verdeutlichte diese Dynamik besonders deutlich.

Für europäische Staaten ergibt sich daraus die zentrale Erkenntnis, dass russisches Handeln nach aussen nicht ausschliesslich als kohärente und rational kalkulierte Aussenpolitik verstanden werden kann. Vielmehr ist es häufig das Ergebnis innerer Machtlogiken, Loyalitätskonflikte und konkurrierender Interessen innerhalb eines personalisierten politischen Systems. Daraus folgt die Notwendigkeit, europäische Sicherheits- und Russlandpolitik stärker an der Analyse interner Dynamiken autoritärer Systeme auszurichten und hybride Akteure systematisch in Lagebeurteilungen einzubeziehen.