Nachhaltigkeitscontrolling im öffentlichen Hochbau - Eine qualitative Analyse der Kantone Bern und Aargau

Nachhaltigkeitscontrolling im öffentlichen Hochbau - Eine qualitative Analyse der Kantone Bern und Aargau
Quelle: KI-generierte Darstellung, erstellt mittels ChatGPT (OpenAI DALL·E), 2026.

Kontext
Im Bauwesen gewinnen Nachhaltigkeitsaspekte zunehmend an Bedeutung, da Gebäude über ihren gesamten Lebenszyklus hinweg ökologische, ökonomische und gesellschaftliche Auswirkungen verursachen. Dies betrifft auch den öffentlichen Hochbau, da entsprechende Bauprojekte langfristig geplant, mit öffentlichen Mitteln finanziert und über mehrere Jahrzehnte genutzt werden.

Öffentliche Gebäude erfüllen gesellschaftliche Aufgaben, beispielsweise im Bildungs-, Verwaltungs-, Sicherheits- oder Kulturbereich. Entscheidungen im öffentlichen Hochbau wirken sich daher langfristig auf Ressourcenverbrauch, Betriebskosten, Nutzungsqualität und gesellschaftliche Akzeptanz aus. Gleichzeitig stehen öffentliche Bauprojekte unter besonderem Rechtfertigungsdruck, da sie gegenüber Politik, Verwaltung und Öffentlichkeit nachvollziehbar begründet werden müssen.

Nachhaltigkeit ist in diesem Kontext nicht nur eine technische oder ökologische Frage, sondern auch eine steuerungsbezogene Herausforderung. Zwar bestehen in der Schweiz verschiedene Standards, Richtlinien und Grundlagen für nachhaltiges Bauen. Dennoch bleibt die Frage offen, wie Nachhaltigkeitsziele konkret in bestehende Controlling- und Entscheidungsprozesse integriert werden können.

Ein möglicher Ansatz ist das Nachhaltigkeitscontrolling. Dabei werden ökologische, ökonomische und soziale Aspekte mithilfe von Kennzahlen, Instrumenten und Prozessen in Steuerungs- und Entscheidungsprozesse eingebunden. Dadurch sollen Nachhaltigkeitsziele während des Projektverlaufs nachvollziehbar, messbar und steuerbar bleiben.

Zielsetzung und Forschungsfrage
Ziel dieser Bachelorarbeit war es, die Umsetzung des Nachhaltigkeitscontrollings im öffentlichen Hochbau der Kantone Bern und Aargau zu analysieren.

Im Zentrum stand die Frage, wie Nachhaltigkeitsaspekte organisatorisch verankert, über Kennzahlen und Instrumente abgebildet sowie in Steuerungs- und Entscheidungsprozesse integriert werden. Zusätzlich wurden Unterschiede zwischen den Kantonen sowie praktische Herausforderungen und Entwicklungsmöglichkeiten untersucht.

Die Forschungsfrage lautete:
Wie wird das Nachhaltigkeitscontrolling im öffentlichen Hochbau der Kantone Bern und Aargau umgesetzt, und welche Unterschiede sowie Herausforderungen zeigen sich in der praktischen Anwendung?

Die beiden Kantone wurden ausgewählt, weil sie Nachhaltigkeitsaspekte im öffentlichen Hochbau berücksichtigen, sich ihre organisatorischen Strukturen und Vorgehensweisen jedoch unterscheiden. Dadurch konnte ein Vergleich unterschiedlicher Steuerungslogiken in der Praxis vorgenommen werden.

Die Arbeit konzentriert sich auf die betriebswirtschaftliche und organisatorische Perspektive. Im Fokus stehen Steuerungsprozesse, Kennzahlen, Instrumente und Entscheidungsgrundlagen. Eine detaillierte technische oder bauphysikalische Bewertung einzelner Gebäude war nicht Gegenstand der Untersuchung.

Methodik
Zur Beantwortung der Forschungsfrage wurde ein qualitatives Forschungsdesign gewählt. Die Literaturanalyse diente dazu, zentrale Begriffe, Konzepte und Instrumente des Nachhaltigkeitscontrollings im öffentlichen Hochbau theoretisch einzuordnen.

Ergänzend wurden sechs Fachpersonen in fünf leitfadengestützten Interviewterminen befragt. Vier Fachpersonen stammten aus dem Kanton Bern und zwei aus dem Kanton Aargau. Die Interviewpersonen kamen aus den Bereichen Bauprojektmanagement, Projekt- und Infrastrukturperspektive, Controlling, nachhaltiges Bauen, Immobilienmanagement sowie strategische Nachhaltigkeitssteuerung.

Die gezielte Auswahl der Fachpersonen ermöglichte es, sowohl strategische als auch operative Perspektiven einzubeziehen. Die Untersuchung zielte nicht auf statistische Repräsentativität, sondern auf ein vertieftes Verständnis der praktischen Umsetzung in den beiden Kantonen.

Die Auswertung erfolgte in Anlehnung an die qualitative Inhaltsanalyse nach Mayring. Die Kategorienbildung wurde sowohl deduktiv aus der Literatur und dem Interviewleitfaden als auch induktiv aus dem Interviewmaterial entwickelt. Analysiert wurden insbesondere Aussagen zum Nachhaltigkeitsverständnis, zu Kennzahlen und Instrumenten, zu Prozessen und Steuerung, zu Zielkonflikten sowie zu Verbesserungsansätzen.

Ergebnisse
Die Ergebnisse zeigen, dass Nachhaltigkeitscontrolling in beiden Kantonen strukturiert verankert ist, sich jedoch hinsichtlich organisatorischer und operativer Schwerpunkte unterscheidet. Beide Kantone verfügen über spezialisierte Fachstellen für nachhaltiges Bauen, die eng mit dem Bauprojektmanagement zusammenarbeiten.

Der Kanton Aargau steuert Nachhaltigkeit stärker über den Aufgaben- und Finanzplan. Dort werden unter anderem CO₂-Intensität, Energieeffizienz und der Anteil zertifizierter Projekte als Indikatoren berücksichtigt. Ergänzend kommen interne Phasenaudits zum Einsatz. Nachhaltigkeit wird damit stärker über strategische Planungs-, Finanz- und Kontrollprozesse gesteuert.

Der Kanton Bern verfolgt stärker einen projektbezogenen Ansatz. Nachhaltigkeitsanforderungen werden mithilfe eines projektspezifischen Anforderungsgenerators konkretisiert. Zusätzlich spielen externe Zertifizierungssysteme wie SNBS und Minergie, externe Fachpersonen sowie unabhängige Zertifizierungsstellen eine wichtige Rolle. Nachhaltigkeit wird damit besonders über projektbezogene Anforderungen, fachliche Begleitung und externe Validierung gesteuert.

In beiden Kantonen dominieren energie- und emissionsbezogene Kennzahlen. Soziale Nachhaltigkeitsdimensionen werden zwar berücksichtigt, bislang jedoch weniger strukturiert erfasst. Zudem fliessen Lebenszykluskosten bisher nicht systematisch in Kreditanträge ein. Kennzahlen zu grauen Treibhausgasemissionen und zur Kreislaufwirtschaft befinden sich ebenfalls noch im Aufbau.

Als zentrale Herausforderungen zeigen sich Zielkonflikte zwischen Nachhaltigkeit und Kosten, Konflikte zwischen Denkmalschutz und energetischen Anforderungen sowie die Lücke zwischen strategischen Vorgaben und operativer Umsetzbarkeit. Wiederkehrende Zielkonflikte werden bislang überwiegend projektspezifisch und ohne standardisiertes Abwägungsmodell gelöst.

Fazit
Die Arbeit zeigt, dass beide Kantone wichtige Grundlagen geschaffen haben, um Nachhaltigkeitscontrolling im öffentlichen Hochbau strukturiert umzusetzen. Der zentrale Unterschied liegt nicht darin, dass ein Kanton Nachhaltigkeit berücksichtigt und der andere nicht. Der Unterschied liegt vielmehr in der Steuerungslogik: Aargau steuert stärker strategisch und indikatorenbasiert, Bern stärker projektbezogen und über Standards sowie externe Validierung.

Aus den Ergebnissen wurden fünf Handlungsempfehlungen für kantonale Hochbauämter abgeleitet: Lebenszykluskosten schrittweise in Kreditanträge integrieren, die Datenerfassung für graue Treibhausgasemissionen ausbauen, Nachhaltigkeitsfachstellen frühzeitig in Projekte einbinden, ein standardisiertes Abwägungsmodell für Zielkonflikte entwickeln und den politischen Konsens über Nachhaltigkeitsziele stärken.

Nachhaltigkeitscontrolling im öffentlichen Hochbau ist damit in den untersuchten Kantonen bereits strukturell verankert. Weiterer Entwicklungsbedarf besteht insbesondere darin, Nachhaltigkeitsinformationen noch stärker mit klassischen Controlling- und Entscheidungsprozessen zu verbinden.