Jonglieren mit drei Dimensionen: Food Waste-Reduktion im Schweizer Detailhandel Welche Chancen bietet die Reduktion von Food Waste in Bezug auf ESG, Reputation und Profitabilität für Schweizer Detailhandelsunternehmen?

Jonglieren mit drei Dimensionen: Food Waste-Reduktion im Schweizer Detailhandel                            Welche Chancen bietet die Reduktion von Food Waste in Bezug auf ESG, Reputation und Profitabilität für Schweizer Detailhandelsunternehmen?

Diese Bachelorarbeit untersucht, welche Chancen die Reduktion von Food Waste für Schweizer Detailhandelsunternehmen in den Dimensionen ESG, Reputation und Profitabilität bietet. Ausgangspunkt ist die Feststellung, dass Food Waste im Detailhandel kein Randphänomen darstellt, sondern ein strukturelles Problem mit direkten ökonomischen, ökologischen und reputationsbezogenen Konsequenzen ist. Jedes entsorgte Produkt verursacht Kosten in Beschaffung, Lagerung und Handling, ohne einen entsprechenden Erlös zu generieren. Gleichzeitig nimmt der politische und gesellschaftliche Druck auf Unternehmen zu, Food Waste messbar zu reduzieren und transparent offenzulegen.

Im Zentrum der Arbeit steht nicht die vollständige Vermeidung von Food Waste, sondern die Frage, wie Detailhandelsunternehmen mit dem Spannungsfeld zwischen hoher Produktverfügbarkeit, Nachhaltigkeitsanforderungen und wirtschaftlicher Steuerung umgehen. Die Analyse zeigt, dass Food Waste weniger aus mangelndem Problembewusstsein entsteht, sondern vielmehr aus widersprüchlichen Zielsetzungen innerhalb der Organisation. Nachhaltigkeit wird strategisch eingefordert, während operative Entscheidungen weiterhin primär an Umsatzsicherung, Frischeansprüchen und Prozessstabilität ausgerichtet sind. Food Waste wird dadurch implizit als akzeptierter Kostenfaktor behandelt.

Die Arbeit verfolgt drei zentrale Zielsetzungen. Erstens wird analysiert, wie Massnahmen zur Reduktion von Food Waste zur Erfüllung von ESG-Kriterien beitragen und welche institutionellen, organisatorischen und personellen Voraussetzungen dafür erforderlich sind. Zweitens wird untersucht, wie sich eine glaubwürdige Reduktion von Food Waste auf die Reputation von Detailhandelsunternehmen auswirkt und welche Rolle Transparenz, Kommunikation und der Umgang mit Greenwashing spielen. Drittens wird aufgezeigt, wie Food Waste über betriebswirtschaftliche Kennzahlen wie ROA, Lagerumschlag, Kapitalbindung und Abschreibungen messbar gemacht werden kann und welche Effekte sich daraus für die Profitabilität ergeben.

Methodisch basiert die Arbeit auf einem qualitativen Forschungsdesign, das eine systematische Literaturrecherche mit leitfadengestützten Experteninterviews kombiniert. Befragt wurden Fachpersonen aus verschiedenen Schweizer Detailhandelsunternehmen, die in ihrem beruflichen Alltag direkt mit dem Umgang mit verderblichen Lebensmitteln konfrontiert sind. Die qualitative Inhaltsanalyse ermöglicht es, operative Entscheidungslogiken, Zielkonflikte und wiederkehrende Muster entlang der drei Dimensionen ESG, Reputation und Profitabilität herauszuarbeiten und mit theoretischen Konzepten zu verknüpfen.

Die Ergebnisse zeigen, dass Food Waste in den Unternehmen zwar als relevantes Thema anerkannt ist, die Verantwortung für dessen Reduktion jedoch häufig unklar verteilt bleibt. Insbesondere auf Filialebene werden widersprüchliche Anforderungen sichtbar: Einerseits sollen volle Regale und hohe Verfügbarkeit bis Ladenschluss sichergestellt werden, andererseits sollen Abschreibungen und Entsorgungsmengen reduziert werden. Diese Zielkonflikte werden selten strategisch aufgelöst, sondern operativ an Mitarbeitende delegiert. Fachkräftemangel, hohe Fluktuation und fehlende Schulungen verstärken dieses Problem und erschweren eine konsequente Umsetzung von Reduktionsmassnahmen.

In der ESG-Dimension wird deutlich, dass Food Waste-Reduktion stark von personellen Ressourcen, klaren Zuständigkeiten und Führungsverhalten abhängt. Green Leadership erweist sich als zentraler Faktor, um Nachhaltigkeitsziele in den operativen Alltag zu übersetzen. Ohne klare Priorisierung und Vorbildfunktion bleiben Massnahmen fragmentiert und werden als zusätzliche Belastung wahrgenommen. Gleichzeitig zeigen die Ergebnisse, dass fehlende Vergleichbarkeit von ESG-Leistungen und uneinheitliche Datenerfassung die Steuerungswirkung von Nachhaltigkeitszielen begrenzen.

In Bezug auf die Reputation zeigt die Analyse, dass Food Waste zunehmend als Ausdruck unternehmerischer Verantwortung wahrgenommen wird. Glaubwürdigkeit entsteht jedoch nicht durch kommunikative Bekenntnisse, sondern durch sichtbare und nachvollziehbare Massnahmen im Verkaufsalltag. Transparente Kommunikation wirkt nur dann reputationsstärkend, wenn sie reale Zielkonflikte offenlegt und nicht verdeckt. Die Arbeit zeigt, dass Greenwashing häufig weniger aus bewusster Täuschung resultiert, sondern aus der Diskrepanz zwischen strategischer Nachhaltigkeitskommunikation und operativer Umsetzbarkeit.

Die betriebswirtschaftliche Analyse macht deutlich, dass Food Waste einen direkten Einfluss auf zentrale Steuerungskennzahlen hat. Unverkäufliche Bestände binden Kapital, verschlechtern den Lagerumschlag, erhöhen Abschreibungen und wirken sich negativ auf den ROA sowie die Kapitalkosten aus. Gleichzeitig zeigen die Ergebnisse, dass Massnahmen wie bedarfsorientierte Bestellungen, dynamische Preisreduktionen und eine konsequente Bestandsführung nicht nur ökologische Effekte erzielen, sondern auch die wirtschaftliche Effizienz verbessern können. Food Waste wird damit zu einer betriebswirtschaftlich relevanten Grösse, die über klassische Nachhaltigkeitsberichte hinaus in die Unternehmenssteuerung integriert werden muss. Gerade diese betriebswirtschaftliche Einbettung zeigt jedoch, dass Food Waste kein isoliertes Effizienzproblem ist, sondern ein Symptom bestehender Steuerungslogiken.

Die Arbeit verdeutlicht, dass Nachhaltigkeitsziele im Schweizer Detailhandel zwar strategisch formuliert werden, ihre Umsetzung jedoch häufig in operative Zielkonflikte mündet. Zwischen Produktverfügbarkeit, Wirtschaftlichkeit und Nachhaltigkeit entstehen Spannungen, die nicht systematisch aufgelöst, sondern pragmatisch abgefedert werden. Food Waste entsteht damit weniger aus fehlendem Bewusstsein als aus strukturell ungeklärten Verantwortlichkeiten.

Der Mehrwert der Food-Waste-Reduktion liegt darin, diese Spannungen messbar und steuerbar zu machen. Wird Food Waste konsequent über Kennzahlen in die Unternehmenssteuerung integriert, entsteht Transparenz über Kosten, Kapitalbindung und Reputationswirkungen. Food Waste entwickelt sich so von einer reaktiven Nachhaltigkeitsfrage zu einem strategischen Steuerungshebel, der ESG, Reputation und Profitabilität verbindet.